Lebenszeilen

Stell dir vor, du scrollst wie jeden Tag durch deinen Newsfeed. Zwischen Nachrichten, Bildern und kurzen Videos erscheint plötzlich eine Meldung, die dich innehalten lässt: Eine Frau wurde jahrelang von ihrem Partner misshandelt. Eine Vergewaltigung erschüttert eine ganze Gemeinschaft. Für einen Moment bleibt etwas hängen. Ein beklemmendes Gefühl, vielleicht ein Kloß im Hals. Doch schon der nächste Beitrag wartet. Ein lustiges Video, eine Werbung, irgendeine Belanglosigkeit. Wir scrollen weiter. Und mit jedem Wischen rückt das Schicksal eines Menschen ein Stück weiter aus unserem Bewusstsein.

 

Ähnlich geschieht es im Geschichtsunterricht. Wir hören von den dunkelsten Kapiteln der Menschheit, von Verfolgung, Vertreibung, Folter und millionenfachem Tod. Ereignisse, die kaum vorstellbares Leid verursacht haben, werden zu Jahreszahlen, Definitionen und Prüfungsstoff. Was für die Betroffenen Angst, Verlust und zerstörte Leben bedeutete, passt plötzlich auf wenige Seiten eines Schulbuchs.

 

Genau dort setzen meine Gedichte an.

 

Ich möchte den Menschen hinter der Schlagzeile wieder sichtbar machen. Aus einer Zahl soll ein Name werden, aus einer historischen Tatsache ein Schicksal und aus einer kurzen Meldung eine Geschichte, die man nicht mit einer einzigen Bewegung des Fingers beiseiteschieben kann.

 

Meine Gedichte sollen nicht nur gelesen werden. Sie sollen berühren, aufrütteln und manchmal auch wehtun. Sie erzählen von Menschen, die geliebt, gehofft, geträumt und verloren haben. Von Leben, die nicht weniger bedeutend waren, nur weil wir ihre Namen nicht kennen.

 

Denn hinter jeder Tragödie stehen Menschen. Hinter jeder Zahl verbergen sich Geschichten. Und manches verdient mehr als einen kurzen Moment unserer Aufmerksamkeit, bevor wir weiterscrollen.